14/11/2012

Schreibende Spurensuche


Zwischen Paris, Berlin und Wien sucht die Französin Julia Druelle nach Spuren von außergewöhnlichen Menschen und Begebenheiten im Europas des 20. Jahrhunderts. Für die Tageszeitung "Le Monde" wird die Nachwuchsjournalistin in den kommenden Monaten ihre Entdeckungen festhalten. 

Julia Druelle sammelt Geschichten. Die 22-Jährige Französin lauscht mit Vorliebe den Stimmen aus der Vergangenheit. In ihrer Wohngemeinschaft im Westen Wiens, die 1985 gegründet wurde, hängt eine Liste mit den 113 Bewohnern, die eine Zeit ihres Lebens hier verbracht haben. Menschen verschiedener Nationalitäten, mit ganz unterschiedlichen sozialen Hintergründen und Berufszielen. Auf dem Flohmarkt von Wien fotografiert sie Objekte aus Sowjetzeiten, Feldpost aus beiden Weltkriegen, Grammophone und alte Puppen. Sie sucht im Alltag der Menschen nach Hinweisen, um das Schicksal Europas zu verstehen. Seit kurzem schreibt sie darüber auf ihrem Blog.

Als eine von 68 Mitgliedern von "Le Monde Académie" hat sie die einmalige Gelegenheit, ihre Gedanken und Beobachtungen zu veröffentlichen und auch regelmäßig eigene Artikel für die Printausgabe vorzuschlagen. Hier kann sie den Lesern der renommierten Tageszeitung auf spannende Weise von bewegenden Momenten des letzten Jahrhunderts berichten. Die Geschichtensammlerin wird selbst zur Erzählerin. "Drei von uns werden im nächsten Sommer ausgewählt und sind dann für ein Jahr lang richtige Redakteure bei Le Monde in Paris!". Ein Traum für die aus Calais stammende Studentin, die sich auf einen der begehrten Plätze an einer französischen Journalistenschule beworben hatte und plötzlich schon selbst journalistisch arbeiten darf. Ihr Hauptinteresse gilt dabei Frankreich und Deutschland, die beiden Länder, die den Anstoß für die europäische Einigung gaben.

Über den Friedensnobelpreis für die Europäische Union habe sie sich gefreut, da ihr bisheriger Lebenslauf sie zu im gewissen Sinne zu einer "französischen Europäerin" gemacht habe. Ihre universitäre Laufbahn begann mit einem dreijährigen deutsch-französischen Studium der Rechtswissenschaften an den Universitäten Potsdam und Nanterre. Doch die Neugier für die Geschichte des "alten Kontinents" ließ sie nicht los und so zog es sie anschließend nach Wien, wo sie mit dem Studium der Politikwissenschaften eintaucht in politische und gesellschaftliche Zusammenhänge zwischen all diesen Nationen, die so verschiedenen sind und die doch ein gemeinsames Schicksal eint.

Noch möchte Julia nicht in ihre französische Heimat zurückkehren, sondern will das europäische Studienabenteuer weiter leben und möglichst viel Reisen. Neben einer Karriere im Journalismus kann sie sich auch vorstellen, in die Diplomatie zu gehen.  Fühlt sie sich machmal mit 22, nahezu zweisprachig, dazu einen deutsch-französischen Abschluss in der Tasche und neuerdings als Mitglied der "Monde Académie" nicht ein bisschen wie ein "Durchstarter"? Julia muss lachen. "Nein, bei meinem Jura-Studium war ich eigentlich nur Durchschnitt. Aber wenn du dann etwas findest, was dir sehr gefällt, wie der Journalismus, dann willst Du es auch gut machen." Sie hofft, dass die Leser ihre Leidenschaft für die Stimmen aus der Vergangenheit in ihren Texten spüren. Auf ihre Spurensuche mit Worten dürfen wir gespannt sein! 


Romy Strassenburg

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