04/04/2013

Deutsch-Französische Beziehungen als Modellbaukasten?


„Was macht die Besonderheit des „deutsch-französischen Modells" aus, jener besonders dichten bilateralen Zusammenarbeit in allen Bereichen des gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Lebens[…]? Lassen sich die für die Existenz dieses Modells verantwortlichen Faktoren so allgemein definieren, dass andere bilaterale Konstellationen damit verglichen werden können? Wäre es […] sogar möglich, vom historischen und geographischen Einzelfall zu abstrahieren und allgemeine Empfehlungen zu formulieren, wie ehedem verfeindete Staaten ihre Beziehungen möglichst konfliktfrei gestalten können?“

Clémentine Chaigneau, Stefan Seidendorf

Die Frage nach der Besonderheit der deutsch-französischen Beziehung steht im Mittelpunkt der 2012 erschienenen Publikation „Deutsch-französische Beziehungen als Modellbaukasten? -Zur Übertragbarkeit von Aussöhnung und strukturierter Zusammenarbeit“. Insgesamt zehn Autoren mit internationalem Hintergrund behandeln Fragestellungen rund um das deutsch-französische Tandem.  Dabei werden der historische Kontext und die heutige Architektur der Beziehung sowohl theoretisch erläutert, als auch in einer großen Bandbreite von Fallstudien in der Praxis auf den Prüfstand gestellt. In einem letzten Teil stellt sich dann die Frage nach der Übertragbarkeit des deutsch-französischen Modells auf andere binationale Beziehungen, in diesem Fall konkret auf das Beispiel der deutsch- tschechischen Beziehungen nach 1989.
Bei den Autoren handelt es sich dabei nicht um praxisferne Akademiker, sondern um Menschen, die die deutsch- französische Zusammenarbeit Tag für Tag in ihrem Alltag erleben, so zum Beispiel als Mitarbeiter des Deutsch-Französischen Instituts (DFI) oder des Deutschen Historischen Instituts in Paris (DHI), als Projektleiter für internationalen Dialog und Völkerverständigung in der Stiftungsarbeit oder als Studentin in einem internationalen Studiengang. Außerdem kommen die ehemalige Generalsekretärin des Deutsch-Französischen Jugendwerks (DFJW), inzwischen verantwortlich für die Europakommunikation der Bundesregierung, sowie eine französische Professorin für Deutschlandstudien der Universität Paris-Sorbonne zu Wort. Ergänzt wird diese deutsch- französische Autorengruppe durch den Geschäftsführer des Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds.

Das Ziel dieser Arbeit liegt dabei keinesfalls bei einer blinden Glorifizierung des deutsch- französischen Modells, vielmehr wird kritisch hinterfragt, ob dieses Modell die hohen Erwartungen wirklich erfüllt und die ihm zugeschriebenen Leistungen tatsächlich erbringt. Den Gefahren der unkritischen Überhöhung und der überdehnten Verallgemeinerung treten die Autoren nach eigenen Angaben durch eine Verbindung aus der Schilderung des alltäglichen Betriebs auf der einen, und einer sensibilisierten Modellierung der Spezifika der deutsch- französischen Nachkriegsgeschichte auf der anderen Seite entgegen. Unter Beachtung dieser Einschränkungen wird am Ende ein Raster aus allgemeinen Aussagen zur Funktionsweise des deutsch-französischen Modells geschaffen, das die Grundlage der Übertragbarkeitsdiskussion bildet. Historische Einzelfälle und Anekdoten werden dabei bewusst  abstrahiert, um eine möglichst breite Vergleichsbasis zu schaffen.

Im Großen und Ganzen ein fundiertes und empirisch gehaltvolles Werk, das ein detailliertes Portrait der deutsch- französischen Beziehungen im 20. Und 21. Jahrhundert zeichnet und gleichzeitig zur kritischen Reflexion anregt. Die Autoren stützen sich dabei ebenso auf wissenschaftliche Publikationen, wie auch auf persönliche Erfahrungen, was den großen Mehrwert der Publikation ausmacht.

Cathérine Schneider

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