05/06/2013

Meine Jahre zwischen Elysée-Palast, Austernpolizei und Weinbergen

Viele Journalisten träumen davon, als Korrespondent ins Ausland zu gehen. Politik, Wirtschaft, Kultur, Sport, Alltag und Sozialreportagen: ein Auslandskorrespondent muss den Nerv des Landes treffen, aus dem er berichtet. Alexander Oetker war drei Jahre lang als Fernsehkorrespondent in Frankreich und hat dabei Abenteuerliches und Wunderschönes erlebt.

Wie wird man eigentlich Auslandskorrespondent? Das hatte ich mich schon als Kind gefragt. Und dann war ich's auf einmal. Bei meinem Sender hatte ich schon einige Jahre als Redakteur und Reporter für die Nachrichtensendungen gearbeitet. Als dann der Posten in Paris neu besetzt werden sollte, hab ich es einfach probiert.  Bevor ich wusste, wie mir geschah, stand schon der Umzugswagen vor der Tür. Zielort: Paris. Die Stadt meiner Träume. Frankreich. Das Land meiner Sehnsüchte. Eine Sprache, die ich auf dem Papier ganz gut konnte. Im Urlaub Essen bestellen, ein wenig parlieren und flirten? Kein Problem. Von nun an aber französische Minister fehlerfrei interviewen? Uiuiui. Doch diese Angst war spätestens verflogen, als ich in meiner kleinen Wohngemeinschaft ankam, mit Blick auf das Centre Pompidou und quasi in Baguette-Wurfweite von Notre Dame. Gerade mal Zeit für einen Abstecher ins typische Pariser Eckcafé und dann ab ins Büro. Damals saß mein Sender noch auf dem legendären Champs-Élysée, über einer altehrwürdigen Pariser Passage, wo man Macréeanzüge für 1000 Euro erstehen kann. Nun gut.
Die ersten Monate waren wahrlich kein Zuckerschlecken. Es bewahrheitete sich, was ich schon auf der Schulbank geahnt hatte: Die deutschen Französischlehrer reden nicht immer so ganz wie Einheimische. So saß ich also neben meinem Kameramann und meinem Cutter mit ihrem Banlieue-Französisch aus irgendeinem hundsverrückten Pariser Vorort. Hmmmm, auf jeden Fall dachte ich anfangs: Comment? Je ne sais pas! Das hat ja mal gar nix mit diesem schönen Schulsingsang zu tun, mit fehlerfreiem Satzbau und einer Grammatik aus dem Lehrbuch. Das klingt kehlig, hart und rasend schnell! Auch mein Kameramann Christophe konnte mir das plus-que-parfait nicht einleuchtend erklären. Nun gut, es dauerte seine Zeit bis ich auch wie die Rotzlöffel aus dem Vorort mitreden konnte. Das kommt zwar nicht so gut an auf den feinen Gesellschaften im edlen 16. Pariser Arrondissement, aber chm'en fous, quoi.

Savoir-faire = selbst ist der Mann (et la femme)
Ach ja, und dann war da noch Paris. Seine Arroganz. Sein Staus. Seine Metro. Seine Pariser. All das stürzte einen jungen, an die lässig-relaxte Art seiner Heimatstadt gewohnten Berliner zeitweise in irgendetwas zwischen Melancholie und Wahnsinn. Diese Stadt ist nun wirklich das Gegenteil von lebenswert, weil man bei schwindelerregenden Preisen regelmäßig kurz vorm Herzinfarkt steht. Mit der französischen Arbeitsweise allerdings konnte ich mich tout de suite anfreunden. Einfacher Grundsatz: Sage dem Kameramann, du brauchst ihn um elf, wenn du um zwölf losfahren willst. Dann kannst du nämlich pünktlich um halb eins vom Hof rollen. Man muss sich bloß zu helfen wissen. Der große Unterschied zu meiner Arbeit in Deutschland war das Maß an Eigenständigkeit, die ein Korrespondent an den Tag legen muss. Selber interessante Themen und Interviewpartner finden, Drehgenehmigungen einholen (bei der französischen Administration durchaus abenteuerlich), Reisen planen, regelmäßig die Technik checken und sein Team zusammenstellen. Was sich in einer großen Sendeanstalt auf viele Schultern verteilt, muss ein Auslandskorrespondent schon mal selbst in die Hand nehmen.
Aber was mir und meinem Team in allen Himmelsrichtungen dieses Landes widerfahren ist, war abenteuerlich bis wunderschön. Den politischen Herzschlag des Landes misst man natürlich in Paris, ob im Innenhof des Élysée oder im Inneren eines beliebigen anderen Ministeriums. Journalisten in Berlin erkennen die Orte der Macht an ihrer Schlichtheit, ihrer Funktionalität. Die deutsche Fahne ist auch schon das höchste der (Macht-)gefühle. Und dann Paris: Kronleuchter. Stuck. Kleine Puttenfiguren an dem Pförtnerhaus aller Ministerien. Zehn Trikolore-Fahnen und Journalisten, die aufstehen, wenn der Präsident den Saal betritt. Nicht, dass das bei Angela Merkel zum Standard werden müsste, aber eindrucksvoll ist es schon.

Kindertraum in la France profonde 
Am meisten aber hat mich la France profonde beeindruckt. Ein, zwei, drei Stunden mit dem TGV hinaus aus Paris und schon nach wenigen Minuten lockern die Mitfahrer ihre Krawatten. Die hektischen Pariser Gesten werden ruhiger, die glasigen Blicke finden eine Mitte und ein Lächeln taucht auf. Steigt man dann aus, kann man - wenn man Glück hat - noch ein Stück vom viel beschworenen savoir-vivre finden, dem Wissen, wie man es anstellt, glücklich zu leben. Wir waren sogar beim Arbeiten glücklich. Einmal standen wir auf dem Bassin d'Arcachon. Also gut, wir standen auf einem Boot auf diesem Stück Meer, das in den Atlantik mündet. Das Boot gehörte der Gendarmerie und ist die wohl ungewöhnlichste Polizeipatrouille Europas. Auf diesem Bassin nämlich befinden sich die meisten Austernzuchten des Kontinents und weil die Austernzüchter sich gerne gegenseitig das teure Zeug klauen, gibt es diese Patrouille. Vier Beamte sind permanent unterwegs auf dem Bassin und beschützen kleine glibberige und sehr wohlschmeckende Meerestiere. Diese Beamten haben wir einen ganzen Tag und eine Nacht begleitet. Nach einem stürmischen Nachmittag - mein Kameramann Christophe war längst von schlimmer Seekrankheit gezeichnet - gab es schließlich ein paar Sonnenstrahlen. Plötzlich erschien ein doppelter Regenbogen in der Ferne über dem Wasser und über der riesigen Dune du Pilat. Gleichzeitig entfuhr es Christophe und mir: Oh Mann, was haben wir für einen tollen Job!


Am Ende des Tages saßen wir zusammen in einem Restaurant am Ufer, aßen einige Austern und teilten 500-Gramm Côte-de-boeuf. Wir wussten, was für ein Traum es war, hier zu arbeiten, wo andere Leute Urlaub machen. Das Tolle an diesem Beruf ist eben genau das:  An einem Tag bist du Austernpolizist, am nächsten Tag für einen ganz kurzen Moment der Kammerdiener des Staatspräsidenten und dann sitzt du mit dem Clochard unter einer Brücke an der Seine und unterhältst dich mit ihm über sein Leben. Es ist jeden Tag ein anderer Beruf, jeden Tag ein anderes Leben. Und jeden Tag ist es doch, bei allen professionellen Bildern und Interviews, wie ein Kindertraum: Manchmal als Zeuge von Weltgeschichte, und manchmal als Chronist eines ganz normalen Lebens.


Autor: Alexander Oetker
Redaktion/Fotos: Romy Straßenburg



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