24/07/2014

Wissen ohne Grenzen?



Längst finden wir Erkenntnisse über die Welt nicht mehr nur in Bibliotheken. Das Internet bietet schier unbegrenzte Möglichkeiten, Wissen zu sammeln und zu teilen. Wer und wie aber bringt das Wissens ins Netz und wie sollten wir es in Zukunft am besten nutzen?
  

 
Erinnert Ihr Euch noch an den Brockhaus? Das war so ein 26-bändiges Nachschlagewerk, nach Buchstaben geordnetes Wissen über die ganze Welt. Man nutzte es auch zum Blumenpressen und manchmal schaute man während des Scrabble-Spielens nach, was der vermeintliche Phantasiebegriff des Gegners bedeuten könnte. Mag sein, es beschwert noch immer bei Euren Großeltern oder Eltern die Regale. Das Verschwinden des Brockhaus war ein Kollateralschaden, sagt Jan Engelmann. Das war nie unsere Absicht.

Jan Engelmann ist Bereichsleiter Politik & Gesellschaft bei Wikimedia Deutschland und versucht, das komplexe Geflecht aus Urheberrecht, Lizenzen und Community-Förderung zu erklären. 60 Mitarbeiter zählt der größte deutsche Verein zur Förderung Freien Wissens heute. Das wohl bekannteste Projekt, welches Wikimedia  unterstützt, ist die freie Online Enzyklopädie Wikipedia. Jenes revolutionäre Projekt, das den Brockhaus ungewollt beerdigte.



2001 startete Wikipedia von San Francisco aus, ohne dass jemand ahnen konnte, wie sehr diese Webseite eines Tages selbstverständlicher Teil unserer täglichen Recherchen im Netz werden würde. Mittlerweile stehen dort über 20 Millionen Artikel in über 280 Sprachen zur Verfügung und bislang sind dem Wachstum der Plattform kaum (rechtliche) Grenzen gesetzt. Grundlage dafür ist die sogenannte Creative Common Licence (CC-Lizenz) - eine allgemein anwendbare Lizenz, die in verschiedenen Ausführungen existiert - und deren Ziel es ist, freie Inhalte zu generieren und zu verbreiten. Im Gegensatz zu einer „normalen“ Lizenz, die gegen eine Gebühr Nutzungsrechte überträgt, zielt sie auf die kostenlose Verbreitung und Bearbeitung von Inhalten durch jedermann. Die CCs sind der Treibstoff des großen Wiki-Motors, der seit 10 Jahren immer schneller und effizienter läuft. Sie markieren den Unterschied zu anderen virtuellen Wissensportalen, wie wissen.de oder britannica.com, die teils kostenpflichtig, vor allem aber vor kommerzieller Nachnutzung geschützt sind.

„Experten des Alltags“

Wikimedia Deutschland unterstützt die freiwilligen Mitarbeiter der Online Enzyklopädie, zum Beispiel mit Fotoausrüstung, Recherchetipps oder bei Fragen zum Urheberrecht. Der Verein organisiert Informationsveranstaltungen und koordiniert die Öffentlichkeitsarbeit der diversen Plattformen, die das Wiki-Universum heute umfasst. Für Jan Engelmann sind die aber tausenden Schreiber der Enzyklopädie „Experten des Alltags“. „Es gibt Leute, die das für den Untergang des Abendlandes halten, dass da Laien Wissen zusammen tragen.“ Doch er glaubt, dass geteiltes Wissen sich nie verringern, sondern immer nur vergrößern wird. Das unterscheide dieses „Gut“ von „anderen“, denn es gelte die alte Weisheit: „Viele Augen sehen mehr“. Deswegen setzt sich Engelmann dafür ein, das Prinzip des freien Zugangs zu Wissen weiter in der Gesellschaft zu verbreiten. Im besten Fall verbessert die Rückkoppelung mit dem Nutzer die Qualität der Inhalte, statt sie zu schmälern.

„Ein Beispiel dafür war im Jahr 2009 unsere Kooperation mit dem deutschen Bundesarchiv. Dort gibt es einen unermesslichen Fotobestand, vor allem Bilder aus der Weimarer Republik und der DDR. Wir bekamen knapp unter 100.000 Bilder zum Upload unter einer freien Creative-Commons-Lizenz zur Verfügung gestellt. Unsere Ehrenamtlichen prüften tausende Bildunterschriften, zum Beispiel Gebäudebezeichnungen. Es war erstaunlich, wie viele Fehler bei der Archivierung korrigiert werden konnten.“

Wissenschaftsbetrieb in Gefahr?

Doch die Tendenz, mehr und mehr Wissen ins Netz einzuspeisen, stößt auch auf Kritik, besonders von Seiten der Wissenschaftsverlage, die um ihren Umsatz fürchten müssen. Traditionell werden Forschungsergebnisse in Zeitschriften veröffentlicht, die Bibliotheken ankaufen. Für Jan Engelmann ist dieses System eine doppelte Finanzierung des Steuerzahlers, der zunächst die Einrichtungen finanziert, an der Forschungsergebnisse zu Stande kommen, um anschließend dafür zu zahlen, dass diese wiederum von den Universitäten angeschafft werden müssen. Diese Kritik teilt er mit der Open Access-Bewegung, deren Ziel es ist, wissenschaftliche Publikationen frei zugänglich zu machen.

Wenngleich viele Forschungseinrichtungen sich der Open Access-Idee mehr und mehr öffnen, mahnen sie internationale Begutachtungsstandards und die Gefahren an, wenn Nutzungsrechte verloren gehen. Fest steht: Die inhaltliche Qualität solcher frei zugänglichen, wissenschaftlichen Veröffentlichungen muss gewährleistet sein, damit die Open Access-Bewegung auch in Zukunft ihre Legitimität begründen können wird. Und so wenig wie wir noch vor 10 Jahren den Boom frei zugänglicher Inhalte im Netz voraussehen konnten, so wenig ist heute absehbar, wie sich das Wissen im Web vermehren und verteilen wird. Irgendwann aber werden wir schlauer sein...

Autorin: Romy Strassenburg

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