28/10/2014

Heuschrecken adé!

Wenn kapitalistisches Denken auf soziales Engagement trifft, können neue, nachhaltige Unternehmenskonzepte entstehen. So zumindest lautet der Ansatz des "Social Entrepreneurship". Und dabei spielt auch Teilen immer wieder eine entscheidende Rolle. 




Erinnert Ihr Euch noch an die "Heuschreckendebatte"? Vor knapp 10 Jahren hatte der nie um einen flotten Spruch verlegene, seinerzeit SPD-Vorsitzende, Franz Müntefering das Verhalten anonymer Investoren gescholten. Sie seien mitverantwortlich für das Scheitern der sozialen Marktwirtschaft, für die Ablösung des so genannten Rheinischen durch einen enthemmten Finanzkapitalismus. Die Krise der europäischen Banken, die Verschuldung von Staaten, Rettungspakete und Rettungsschirme... Die letzten Jahre waren voll von Schreckensnachrichten aus der der großen weiten Welt des Wirtschaftens. 

Doch in jeder Krise steckt naturgemäß auch das Potenzial für einen Neuanfang, zumindest aber für ein Umdenken, für mehr Kreativität, um innovative Ideen zu entwickeln. Der Erfolg der sogenannten Sharing Economy war eines von vielen Krisen-Phänomenen der letzten Jahre: vom Car-Sharing bis zur geteilten Wohnung und getauschten Klamotten! Sie fallen in den Bereich des sozialen Unternehmertums, das wieder verstärkt ins Blickfeld geraten ist. Das "Social Entrepreneurship" zielt darauf ab, das Wohlergehen der Individuen innerhalb einer Gesellschaft zu steigern, indem soziale Probleme mit unternehmerischem Denken behoben werden können. 

Eine neue Generation von Unternehmern? 

Dabei ist nicht mehr der Profit das primäre Interesse des Sozialunternehmers. Allerdings muss das Unternehmen so viel abwerfen, dass es sich selbst trägt, auch wenn der Staat wie bei anderen klassischen Firmengründungen durchaus Starthilfe leisten kann. 

Als ein symbolisches Beispiel galt die Initiative des Journalisten Andreas Heinicke, dessen einschneidende Begegnung mit einem blinden Kollegen im Jahre 1980 dazu führte, dass er begann, sich mit den täglichen Problemen von behinderten Menschen auseinanderzusetzen. Er eröffnete ein Restaurant und eine Galerie und beschäftigt heute 70 Angestellte... alle sind blind. Markus Beckmann, Professor für Nachhaltigkeitsmanagement an der Universität Lüneburg erklärt: "Häufig waren die Pionniere des Sozialunternehmertums durch eine persönliche Erfahrung motiviert, sich in bestimmten Bereichen zu engagieren." 

Heute, wo auch an Wirtschaftsfakultäten über alternative unternehmerische Konzepte gesprochen wird, gehen immer mehr junge Firmengründer ganz bewusst einen unternehmerischen Weg mit sozialer Weichenstellung. Markus Beckmann beschreibt eine "Generation, die ihrem beruflichen Leben einen Sinn verleihen will und darin aufgeht, ein gesellschaftliches Problem zu lösen. Nicht durch Zufall oder eine persönliche Erfahrung interessieren sie sich für das Social Entrepreneurship, sondern weil sie von der Idee ganz allgemein fasziniert sind." 

Zeitalter der Knappheiten - Zeitalter des Wandels 

Noch fehlen konkrete Zahlen und allgemein gültige Definitionen über diese Art des Wirtschaftens, aber die deutsche Regierung geht bereits von mehreren hundert Sozialunternehmen aus. Vor zwei Jahren trafen sich 1300 Teilnehmer zu einer Konferenz in Berlin, um über die Perspektiven von Sozialunternehmen zu diskutieren. Immer mehr Strukturen und Netzwerke entstehen, basierend auf dem ökonomischen Ansatz sozialen Wirtschaftens. Ashoka, so lautet der Name der größten internationalen Organisation zur Unterstützung dieses ökonomischen Phänomens. Als größtes Problem der jungen Unternehmen hat Ashoka den Fachkräftemangel ausgemacht, denn gut ausgebildete Manager oder Buchhalter werden von klassischen Unternehmen mit attraktiven Gehaltsperspektiven gelockt. 

Aber gerade das Verhältnis zur eigenen Arbeit und die Bedingungen der Zusammenarbeit von Vorgesetzten und Mitarbeitern befänden sich durch das Aufkommen des Social Entrepreneurships im Wandel, konstatiert Sven Rahner, Politikwissenschaftler und Autor des Buches "Architekten der Arbeit". "Die Chancen stehen derzeit nicht schlecht, dass im Zeitalter der Knappheiten die Frage nach der gerechten Verteilung von individuellen Verwirklichungschancen, ökologischen Ressourcen und ökonomischen Erträgen grundlegend neu gestellt werden wird." In Frankreich und Deutschland entwickelt sich parallel bereits eine neue Unternehmenskultur: "Immer mehr Unternehmen erproben demokratische Formen der Unternehmensführung bis hin zur demokratischen Wahl des Führungspersonals", so Rahner. "All diese Entwicklungen werden die Arbeits- und Wirtschaftswelt schrittweise auf den Kopf stellen.“ 


                                                                                          Autorin: Romy Strassenburg 

Links: 

Mehr über Sven Rahners Buch "Architekten der Arbeit" 

Artikel Tagesspiegel "Jobs für Weltverbesserer" 

Ashoka Deutschland Organisation zur Förderung von Social Entrepreneurs


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